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In dieser Rubrik gibt es immer wieder wechselnde Texte von mir zu lesen. Also: Dran bleiben!
November ists und dunkel ohnehin. So großartig dunkel, so sonnenverweigernd unhell, so höllisch düster. Und Sätze wollen mir durch die Tastatur entgleisen, Sätze die klingen wie: Ich schleppe tränengroße Traurigkeiten durch die Melancholie meines orientierungslosen Daseins. Oder: Als das letzte Blatt vom Baum geweht ward, das war der Augenblick, als die echte Dunkelheit zu mir ins Zimmer tanzen konnte. Ich koche Tee und niemand berührt meinen Arm. Olafur Arnalds spielt in meiner Küche Klavier. Dann bemerke ich plötzlich, dass ich glücklich bin.
Voller Angst eigentlich. Alles voller Angst, in jedem Raum und ganz schlimm ist es Nachts und jetzt nimmst du Tabletten, um nicht wie deine Mutter zu enden, die vor lauter Angst nicht mehr aus dem Haus gehen kann, weil sie Angst vor dem Wetter und vor allem vor den anderen Leuten und deren Ansprüchen hat und du, mein Freund, der da auf meiner Couch verwelkt, du nimmst jetzt idiotische Tabletten, von denen du dir erhoffst, sie mögen dich erlösen. Desweiteren willst du von diesen kleinen Soldaten an der Front der Humanmedizin, dass sie dich für die geistige Schönheit von Frauen entflammen können und nicht nur für deren Körperlichkeit. Du sehnst dich nach Liebe und ich sitz daneben und dann bemerke ich plötzlich, dass ich glücklich bin. Das unförmige Mädchen hinter der Ladentheke versucht ein Lächeln, was aber nicht dauerhaft klappt, denn ihre Gesichtsmuskeln sind auf böse trainiert. Sie ist im ersten Ausbildungsjahr und man bemerkt ihre Unlust auf Freundlichkeit den Kunden gegenüber, sie will viel lieber "Fuck you, bitch" oder "Ers gutes Brot" sagen, anstatt "Fünf Euro siebzig, schönen Tag noch" und auch, dass sie ihr Augenbrauenpiercing aufgrund irgendwelcher Hygienebestimmungen, die sie nicht versteht, zu Hause lassen mußte, regt sie unglaublich auf. Und das alles für einen Job hinter einer Brotheke. Ich habe sie beim Nusseckenkaufen erstmals gesehen, vor einem halben Jahr etwa und auf ihrem Namenschild steht unter "es bedient sie freundlich" Cassandra. Ich vergleiche mein Glück mit ihrem und dann bemerke ich am Stehtisch kaffeeschlürfend, dass ich ein Arschloch bin. Und dann bemerke ich plötzlich, dass ich glücklich bin. Letztens hat ein anderer Freund von mir in einem stillen Moment bei einem ganz leisen Bier offenbart, dass er Angst vor der Sängerin Pink hat, weil sie ihn an diesen Jungen erinnert, der ihn früher auf dem Schulhof immer bedroht hat und manchmal hat er sein Gesicht in eine Pfütze gehalten und er dachte dann immer: "Das sind also meine letzten Minuten auf dieser Welt, das Gesicht in einer Regenpfütze über mir ein Arschloch und der Größe meiner Gedanken war sich nie jemand bewußt." Er war damals neun Jahre alt und ich habe sie verstehen können, seine Angst, denn ich glaube, jeder von uns kennt einen Jungen wie Pink, der ihm Pausenbrote, Mädchen oder coole Radiergummis abspenstig machen wollte. Der Abend war die ganze Zeit sehr leise und du hast noch über andere fulminante Ängste gesprochen, z. B. über den Verlust deines Handys und dem einhergehenden Abhandenkommen deiner sozialen Identität oder dem zufälligen Beiwohnen eines Selbstmordattentats."Die Wahrscheinlichkeiten steigen", sagte er dann und hielt das für einen klugen Satz und dann bemerkte ich plötzlich, dass ich glücklich bin. Was denn aus mir geworden ist, guckt mich eine an, die ab und an mal herkommt, meine Kaffeetassensammlung anguckt und mit mir Apfelschorle trinkt. "Was soll denn aus mir geworden sein?", frag ich. "Du hast dich verändert, alles irgendwie, Klamotten, Frisur, nix is mehr so wie da, wo wir uns kennenlernten." "Und?", frag ich. "Das heißt erst mal noch nix", palavert sie, "wir müssen uns nur im Auge haben, ob wir auch noch als Freunde funktionieren." Ich sehe aus dem Fenster und trübes Grau gafft mich an und wir sind wieder schwankende Boote im Hafen des Schweigens. Und dann bemerke ich plötzlich, dass ich glücklich bin. "Mit vielen LED-Lampen-großen Gefühlen ist dieser Mann nicht ausgestattet,aber mit einem Flutlichtgefühl, das sich wie das Einlaufen in ein großes, ausverkauftes Stadion anfühlt." Das sagst du über deinen neuen Freund und ich habe ein gutes Gefühl dabei, mit dir im Wald zu stehen, mitten im Winter und wir werfen uns ein geistigbehindertes Rehkitz zu, dass von seiner Mutter verlassen wurde und das ohnehin sterben wird, aber so kann es sich einmal vorstellen wie sich fliegen anfühlt ... Ich bin zuhause. Allein. Das Telefon klingelt. Du bist dran. Und dann bemerke ich plötzlich, dass ich glücklich bin ... |